












Müll und Unkraut, ekelerregende Toiletten, sinnlose Ankündigungen aus kaum verständlichen Lautsprechern und verdreckte Sitzbänke. So kennt man die meisten Südtiroler Bahnhöfe und viele der hier verkehrenden Züge.
Diese Zustände müssen sich ändern, findet Christian Gschliesser. Der 35-jährige Brixner dokumentiert seit langem alle Missstände, die ihm bei seinen Zugfahrten überall in Südtirol ins Auge fallen und meldet sie sogleich den Verantwortlichen.
Gschliesser hat auch einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem er die Lage der Südtiroler Züge und Bahnhöfe dokumentiert. Seit September 2009 wurde die Website fast 10.000 Mal aufgerufen.
In einem Gespräch mit Südtirol Online erzählt Gschliesser von seinem Anliegen. Er beschreibt, auf welche Zustände er bei seinen Zugfahrten durch Südtirol gestoßen ist und erklärt, wo Veränderungen dringend nötig wären.
Südtirol Online: Wie oft sind Sie mit Bus und Bahn unterwegs?
Christian Gschliesser: Unregelmäßig. Ich bin kein Pendler, sondern benutze den Zug in meiner Freizeit. Man muss aber nur einmal mit dem Zug nach Österreich oder Deutschland fahren, um festzustellen, dass die Zustände bei uns nicht normal sind.
STOL: Ihr Urteil über den Zustand der Südtiroler Bahnhöfe?
Gschliesser: Es ist mir als Südtiroler manchmal peinlich, wie unsere Bahnhöfe und Züge aussehen. Die gesamte Infrastruktur ist komplett veraltet. Man merkt, dass mit unseren Bahnhöfen lieblos umgegangen wird. Sehr viele Bahnhöfe machen einen verwahrlosten Eindruck. Oft liegt Müll herum oder es gibt meterhohes Unkraut. Im vergangenen Sommer habe ich beispielsweise auf dem Bahnhof von Sterzing eine Streikankündigung aus dem Jahr 2005 gefunden. In vier Jahren hat nicht einmal ein Bahnbediensteter, der vorbeigegangen ist, den Zettel entfernt. Ein weiteres Negativ-Beispiel ist der Bahnhof von Klausen. Er wurde vor kurzem „revitalisiert“, sieht aber immer noch total heruntergekommen aus. Alles ist kaputt, in der Mauer sind Risse, die Dachrinne ist abgebrochen, der Zaun fällt zusammen.
STOL: Wie viel Zeit verwenden Sie für Ihre Zug- und Bahnhofskontrollen?
Gschliesser: Im vergangenen Sommer habe ich alle Zonen einmal bewusst durchgemacht, um mir ein Bild zu machen. Dazu bin ich mit dem Zug durch Südtirol gefahren, bei jedem Bahnhof ausgestiegen und habe alles dokumentiert. In letzter Zeit fahre ich nicht mehr extra irgendwo hin, um dort etwas zu fotografieren. Ich bin zufällig vor Ort und während ich auf den Zug warte, halte ich Missstände fest. Ich suche nicht krampfhaft danach, die Zustände springen einem ja gleich ins Auge.
STOL: In welchen Südtiroler Zonen sind die Bahnhöfe in Ordnung, in welchen passt es nicht?
Gschliesser: Die meisten Bahnhöfe sind in einem schlechten Zustand, egal ob diese vom Staat, vom Land oder von einer Gemeinde geführt werden. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie etwa den Bahnhof von Siebeneich, der sehr nett hergerichtet worden ist. Allerdings waren auch dort schon Vandalen am Werk, die alles vollgeschmiert haben.
STOL: In welchem Zustand sind die Züge, die auf Südtirols Bahnstrecken verkehren?
Gschliesser: Die neuen Züge der SAD sind sehr schön. Die Züge der Trenitalia sind in einem äußerst schlechten Zustand und total veraltet. Teilweise sind sie aus dem Jahr 1980. Sie sind nicht geputzt, der Stoff der Sitzplätze ist oft schwarz und speckig.
STOL: Wo besteht für Sie der dringendste Verbesserungsbedarf?
Gschliesser: Zu tun gäbe es sehr viel. Sehr viele Bahnhofstoiletten etwa sind extrem unhygienisch. Es gibt so gut wie nirgends Toilettenpapier, teilweise nicht einmal Wasser oder Licht. Spinnweben mit toten Insekten sind keine Seltenheit. Ein weiteres Manko sind die fehlenden Entwertungsmaschinen auf den Bahnsteigen. Wenn man für eine bestimmte Strecke ein Abonnement hat und die restliche Strecke mit einer Wertkarte fahren will, muss man in die Bahnhofshalle laufen, stempeln, um dann wieder zum abfahrenden Zug zu rennen. Oft passiert es auch, dass im Zug über den Lautsprecher Stationen angekündigt werden, an denen man bereits vorbeigefahren ist. Große Mängel gibt es auch bei der „Barrierefreiheit“. Im Bahnhof von Klausen etwa kann man trotz Renovierung in einen Wartesaal von beiden Seiten nur über zwei Stufen gelangen. Rollstuhlfahrer haben dort alleine keine Chance. Das Gegenbeispiel: In Österreich kann man in die meisten Züge ebenerdig einsteigen. Es ist bei uns alles so primitiv. Wenn man das Wort primitiv steigern würde, käme „primitiv – primitiver – Bahnhöfe in Südtirol" dabei heraus.
STOL: Wo stehen die Südtiroler Bahnhöfe im Vergleich zu jenen in Österreich und Deutschland?
Gschliesser: In Deutschland und Österreich herrschen ganz andere Verhältnisse. Dort ist alles sehr modern, bei uns ist das Meiste veraltet. Der Bahnhof von Innsbruck zum Beispiel ist sehr gepflegt und erscheint wie eine Stadt in der Stadt. Wenn man dann nach Südtirol fährt, macht man fast eine Zeitreise durch. Vielfach sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. So wird man am Innsbrucker Bahnhof von einer freundlichen Frauenstimme empfangen: „Willkommen in Innsbruck!" Bei uns hört man aus einem alten Lautsprecher eine verzerrte Stimme rufen: "È vietato attraversare la linea gialla!" Wenn man von Innsbruck nach Brenner fährt, verabschiedet sich kurz vor der Grenze das österreichische Zugpersonal. Dann hört man eine Durchsage: "Bitte beachten Sie den Niveauunterschied." Dieser Hinweis bezieht sich zwar auf die Höhe des Bahnsteigs, er wäre jedoch auch anders verstanden sehr zutreffend.
STOL: Wie erklären Sie sich die Zustände auf Südtiroler Bahnhöfen?
Gschliesser: Ich glaube, dass die Schuld nicht beim Staat, beim Land oder bei der jeweiligen Gemeinde, die für den Bahnhof verantwortlich ist, liegt. Man kann auch nicht der Politik die Schuld geben. Denn für all diese Dinge sind Personen angestellt worden, die ihre Aufgaben wahrscheinlich nicht richtig erledigen. Schuld sind die Mitarbeiter vor Ort. Wenn jeder seine Arbeit machen würde, wie es sich gehört, gäbe es diese Missstände nicht. Die Mitarbeiter im Bereich Bahn müssten motivierter an ihre Arbeit herangehen. Ich habe das Gefühl, dass nicht das minimalste Interesse daran besteht, ein gutes Bild nach außen abzugeben.
STOL: Tragen nicht auch manche Passagiere zu den Missständen bei?
Gschliesser: Ja. Ein großes Problem ist der Vandalismus. Viele Jugendliche legen ihre Schuhe auf die Sitzplätze. Das müsste stärker kontrolliert werden – obwohl die Jugendlichen sich auch ohne ständige Kontrolle zivil verhalten könnten. Und wenn das Land einmal etwas neu macht, wird vieles gleich wieder zerstört. Der Bahnhof Lana-Burgstall etwa ist total vollgeschmiert. Ich kann mir nicht erklären, warum.
STOL: Wie schützen Sie sich vor dem Schmutz in den Zügen?
Gschliesser: Ich habe mir bei einem Mechaniker einen Nylonsitzüberzug besorgt. Den muss ich regelmäßig wechseln, denn die Unterseite wird schon nach ein paar Fahrten gelb vor Schmutz.
STOL: Haben Sie schon andere Passagiere mit solchen Nylonüberzügen gesehen?
Gschliesser: Nein, aber gehört habe ich schon davon. Ich beobachte oft Passagiere, die einsteigen und sich einen halbwegs akzeptablen Sitz aussuchen. Dass es so etwas bei uns noch geben kann, ist Wahnsinn!
STOL: Was möchten Sie mit ihrer Bahn- und Zugkritik erreichen?
Gschliesser: Ich mache das, damit sich etwas ändert und wir in Südtirol zu Deutschland oder Österreich aufschließen. Ich möchte den Zuständigen den Spiegel vorhalten, damit sie erkennen, welche Zustände bei uns herrschen. Auf meiner Youtube-Seite können sich Menschen auf der ganzen Welt die Zustände bei uns ansehen. Sie sind wahrscheinlich überrascht, weil sie bisher ein ganz anderes Bild von Südtirol hatten.
STOL: Was erhoffen Sie sich von Ihrem Youtube-Kanal?
Gschliesser: Die Bahn ist eine Welt für sich. Wenn jemand nicht mit dem Zug fährt, versteht er auch nicht, wovon wir hier reden. Daher stelle ich meine Beobachtungen ins Internet und schicke sie an verschiedene Medien. So können auch jene, die den Zug nie benützen, sehen, welche Zustände in Südtirol herrschen. Man kann meine Youtube-Seite auch als Missstands-Kanal sehen. Dabei steht immer die Hoffnung im Vordergrund, dass sich etwas ändert.
STOL: Hat sich etwas geändert?
Gschliesser: Ein paar Kleinigkeiten. In Bozen stand die Bahnhofsuhr acht Jahre lang still. Ich weiß nicht, ob meine Videos hierfür der Anlass waren, aber sie wurde repariert. Am Bozner Bahnhof hing bis im Frühjahr 2010 eine Werbung der „Manifesta7“ von 2008. Sie wurde aufgrund meiner Hinweise entfernt. Und in Brixen gab es eine komplett kaputte Sitzbank. Sie wurde repariert, nachdem ich das gemeldet habe. Meistens tut sich aber nichts.
STOL: Wie reagieren die Verantwortlichen auf Ihre Kritik?
Gschliesser: Eigentlich sehr positiv. Ich habe erst kürzlich vom Eisenbahndirektor Roger Hopfinger eine Email bekommen, in der er sehr freundlich auf meine Kritik geantwortet hat. Auch Landesrat Thomas Widmann hat mir sehr freundlich zurückgeschrieben. Ich bin positiv beeindruckt, dass von dem, was ich mache, auch etwas gehalten wird.
STOL: Wie kann sich die Situation ändern?
Gschliesser: Wenn man wirklich Interesse daran hat, dass diese Dinge klappen, dann bräuchte es eine Person, die die Bahnhöfe in ganz Südtirol regelmäßig kontrolliert und prüft, ob alles so ist, wie es sein sollte. Dann kann man etwas erreichen. Wenn man will, dass die Menschen vom Auto auf den Zug umsteigen, wie es immer propagiert wird, muss man diese Dinge wirklich mit Ernst in Angriff nehmen.
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